15. St. Gangolfs Turm und Glocken

Der Turm

Alte und neue Version des Kirchturms

16. Oktober 1951

Auszug aus dem Brief an das Erzb. Bauamt in Heidelberg

(...) Die Kirche in Schlierstadt hat 2 Türme; einen Dachreiter (mit einer kleinen mittelalterlichen Glocke) aus der Zeit der Erbauung der Kirche und einen unfertigen, massiven Turm, dessen Bau in den 1880er Jahren begonnen und 1889 eingestellt wurde. Der etwas über Gesimshöhe des Schiffs hinausragende Turmstumpf sollte 1914 mit einem Zwiebelturm weitergebaut werden. Die Arbeiten kamen wegen des 1. WK nicht zur Ausführung. Nach Ende des 2. WK tauchten erneut Ausbaupläne auf und schon 1949 arbeitete das Bauamt Skizzen dazu aus (...) Die vorliegenden Pläne zur Vollendung des Turms sehen einen Zwiebelturm, bzw. spitzen Turm vor. Es erhebt sich daher die Frage, ob man nicht aus Sparsamkeitsgründen eine billigere Lösung sucht, da die Ausführung dieses "echten Barockturms" Mehrkosten von ca. DM 8.000,-- bedeuten würden. (...)

(Anm.: Der Kostenvoranschlag für den Turmaufbau (verputztes Backstein-mauerwerk mit 40.000(!) Backsteinen) betrug DM 23.780,-- (ohne Turmuhr, Glockenstuhl und dgl.).

18. August 1952

Die Kirche in Schlierstadt, die z. Zt. einen Turm erhält. Rechts im Bild der Dachreiter, der 1/2 m aus dem Lot ist
Die Kirche in Schlierstadt, die z. Zt. einen Turm erhält. Rechts im Bild der Dachreiter, der 1/2 m aus dem Lot ist

Kirche erhält neuen Turm

Die 1766 erbaute Kirche hatte ursprüng-lich keinen Chor und keinenTurm, außer dem noch stehenden Dachreiter. Unter Pfarrer Michael Dick (Pfarrer von 1877-1892) wurde dann der heutige Chor angefügt und der Turm begonnen. 1899 wurde jedoch auf Grund größerer Reparaturen im Pfarrhaus und an den Ökonomiegebäuden und dadurch entstandener finanzieller Schwierig-keiten der Turmbau eingestellt. Die Vollendung des Turms sollte 1914 erfolgen, aber der 1. WK und die später folgende Inflation verhinderten erneut, daß der Turm fertiggestellt wurde. Gegenwärtig wird nun auf Initiative von Geistl. Rat Richard Schneider, der Turm der Schlierstadter Kirche fertiggestellt. Eifrig wird gebaut und bereits in wenigen Tagen wird das Richtfest gefeiert werden können. Dem Opfersinn der Schlierstadter Einwohner ist es zu verdanken, daß die finanzielle Grundlage geschaffen werden konnte, um den Turmbau zu vollenden.

31. August 1952

Ohne jeglichen Unfall gehen die Maurerarbeiten zu Ende. Zimmermeister Richard Müller kann den Turmholm aufschlagen.

3. September 1952

Der Turm steht!

(...) Nun kommen die Dachdecker aus Tauberbischofsheim. Der Turm ist mit Schiefer gedeckt, das von Schmiedemeister Pfeiffer angefertigte Kreuz aufgerichtet auf der Turmspitze. Eine Urkunde auf Pergament in eine Kupferkapsel (siehe Bericht weiter unten) des Turmkranzes eingefügt wird späteren Geschlechtern über die Geschichte und die Opfer der nunmehr Lebenden künden. (...)

5. September 1952

Richtfest am neuen Kirchturm

Kurzer Überblick über die geleistete Arbeit: Vor etwa 9 Wochen wurde unter der sachkundigen Leitung des Erzb. Bauamtes Heidelberg mit dem Aufbau des Turmes begonnen. Bauunternehmer war die Arbeitsgemeinschaft Polk (Schlier-stadt), Plaha (Zimmern) sowie Alter (Seckach). Allein 3 Wochen erforderte die schwierige und nicht ungefährliche Aufstellung des Gerüstes und in weiteren 6 Wochen wurde der vorhandene 16 m hohe Turmsockel um rund 10,5 m aufgestockt. Besondere Vorsicht und Geschicklichkeit erforderte das Hochziehen und Einsetzen der Ecksteine mit der Handwinde, wiegt doch jeder dieser 8 Blöcke aus rotem Sandstein 25 bzw. 40 Zentnern (siehe Abb.). Nachdem der letzte Backstein vermauert war, wurde von Zimmermeister Richard Müller (Schlierstadt) das 9 m hohe Spitzdach in 2 Tagen aufgesetzt. In den nächsten Tagen wird nun noch die Spitze mit Kugel, Kreuz und Wetterhahn folgen (siehe auch den Bericht "Die Kirchturmspitze"), so daß die gesamte Turmhöhe fast 40 m beträgt. Erfreulich ist, daß sich bei der ganzen nicht ungefährlichen Arbeit in dieser beachtlichen Höhe kein Unfall ereignet hat. Durch die Opferfreudigkeit der Ortsbewohner, unterstützt von Schlierstadtern, die in alle Welt zerstreut sind, und durch die dankenswerte finanzielle Beihilfe der Gemeinde wurde die Grundlage geschaffen, endlich das Werk der Ahnen, das so oft begonnen und durch die Zeitverhältnisse immer wieder vereitelt wurde, glücklich zu vollenden.

Die Uhr

Der Durchmesser des äußeren Metallringes beträgt 2,50 m, die Stundenmarken sind aufgesetzt, ver-goldet und kubisch ausgeführt.

Die Kirchturmspitze

Eine Urkunde aus Pergament (Text s. u.) wurde in die Kugel aus Kupferblech eingelegt, diese verlötet und mit einem Kreuz und dem Wetterhahn darüber auf der Spitze des Kirchturms angebracht  (Kugel-durchmesser: 2,10 m, Höhe: insgesamt (incl. Wetterhahn) ca. 10 m). 

 

 

Nachfolgend derText der Urkunde, die sich in der Kugel auf der Kirchturmspitze befindet:

Im Jahre des Heils 1952, in der Woche von Kreuz-erhöhung, wurde diese Urkunde in die Kugel des Turms eingelegt. Es regierte im 14. Jahre die Kirche Gottes Papst Pius XII. Den Stuhl des Hl. Konrad hatte in Freiburg Erzbischof Dr. Wendelin Rauch inne. Dekan des Kapitels Buchen war Geistlicher Rat Georg Götzinger in Rosenberg, ein Sohn dieser Gemeinde. Pfarrer dieser Gemeinde war seit Juli 1946 Geistlicher Rat Richard Schneider, der vom Hitler-Regime 55 Monate in Haft gehalten wurde und davon 52 Monate im KZ Dachau verbracht hat...

 

Der gesamte Text folgt demnächst!

 

Die Glocken

1484

"Christusglocke" im ehem. Dachreiter, gegossen von der Fa. Lachmann in Heilbronn, Gewicht: 400 kg.

1941

2 Glocken wandern in die Schmelzöfen der Kriegsindustrie.

21. November 1949

Auszüge aus dem Brief des Schlierstadter Pfarramts an das Erzb. Bauamt in Heidelberg

(...) taucht folgende Frage auf: Welche Tragfähigkeit besitzt der angebaute Turm und bis zu welchem Gewicht kann mit der Glockenmasse gegangen werden? Da der Ort eine Süd-Nord-Richtung hat und die Kirche im Süden des fast 1 km langen Ortes liegt, bedarf sie eines großen und schweren Geläutes von 3, besser 4 Glocken. Um dies erstellen zu können, ist ein Stahlgeläute mit Sextrippen vorgesehen. (Anm.: Bis zum Jahre 1937 wurden die meisten Glocken in einer Moll-Sext-Rippe, auch Sextrippe gegossen, d. h , der Unterton der Glocke steht zum Schlagton im Verhältnis einer kleinen Sexte, der 1.-3. Teilton ergeben einen Moll-Dreiklang). Die hier noch vorhandene Glocke von 6 zt (= 300 kg) aus dem Jahre 1484 scheidet aus. Wegen der Glockengröße sollen diese in den Turm geschafft werden, bevor das Notdach aufgesetzt wird (...) Es herrscht in der Gemeinde ein Eifer dafür, es zu erreichen, daß wir in nicht allzuferner Zeit das Mauerwerk des Turmes vollenden können und ein Geläute anschaffen. Dafür soll in den kommenden Jahren gesammelt werden! (...)

30. November 1949

Auszüge aus der Antwort des Erzb. Bauamts Heidelberg an das Pfarramt in Schlierstadt

(...) Der Turm würde in der neuen Form gut ein Viergeläute tragen, das auf es`oder e`aufbaut und ein Gesamtgewicht von bis 3,2 t haben könnte. Dabei ist vorausgesetzt, daß die Glocken im geraden Joch aufgehängt werden. Gekröpfte Joche, die höhere Belastung erlauben, müssen aus klanglichen Gründen abgelehnt werden.

Ihre Gemeinde ist beneidenswerter Besitzer einer -- vielleicht klanglich wertvollen(?) -- mittelalterlichen Glocke. Der Gedanke, sie nun, nachdem sie Generationen mit ihrem Klang begeistert hat, zu entlassen und irgendwohin zu "verschicken" ist gerade im Zeitalter der "Deportierungen" nicht sympathisch. Nur damit sie den doch recht problematischen Stahlglocken Platz macht? Wenn man die Frage vom Standpunkt der guten Hörbarkeit betrachtet, so kann gesagt werden, daß ein Broncegeläute in der genannten Größe vollauf das zu leisten vermag, was hier verlangt ist und dabei an Klangschönheit und Ausdruckskraft den Stahl, insbesondere in der Tonlage, die für Ihren Turm infrage kommt, unvergleichlich übertrifft. Ein Broncegeläute, z. B. mit den Tönen es-ges-as-b und ca. 3 t Gewicht kostet heute ca. DM 17.000,-- und ist doch schon von sehr eindrucksvoller Wirkung. (...)

24. Juni 1951

Da beim Läuten der Schwengel der alten Glocke von 1484 abbrach, wird die Glocke auf ein Kugellager gelegt und ein neuer Schwengel angebracht. Die Gelder wurden durch Sammlungen zusammengebracht.

31. Dezember 1951

Ein großes Werk ist eingeläutet. Da wir Aussicht haben, eine Leihglocke, d.h. eine Glocke aus Schlesien oder Ostpreussen zu erhalten, die in Hamburg lagert, sofern wir den unfertigen Turm ausbauen, werden Pläne und Sammelaktionen durchgeführt. Auch hat die politische Gemeinde ihre Mithilfe zugesagt. Durch Geldzusagen von ca. DM 12.000,-- kann an die Ausführung gegangen werden. Hilf Gott zur Vollendung des Werkes!

17. August 1953

Heute verläßt die "Christusglocke" den Dachreiter, von dem aus sie seit 1767 die Gläubigen zum Gottesdienst rief (siehe den folgenden Zeitungsauschnitt der "Fränkischen Nachrichten" vom Juli 1953)

9. September 1953

Juni 1956: 3.000 kg Glockengut

60 Zentner Glockengut konnten durch die Freigebigkeit der Gemeinde beschafft werden. Die Herstellung der Glockenform für die 3 neuen Glocken ist im Gange.

November 1956

Nachdem wir der Gemeinde auf einer Schallplatte ein 3- und 4stimmiges Geläute, aufgebaut auf dem Ton h`der alten Christusglocke von 1484, vorgeführt hatten, und die Gemeinde sich für die Beschaffung von 3 neuen Glocken entschloß, wobei die kleinste mit ca. 600 kg von Dekan Götzinger, Pfarrer Hauer, Dekan Krämer, Pfarrer Geisert und Pfarrer Schneider gestiftet wird, wird mit der Sammlung und Beschaffung des Glockengeläutes begonnen.

15. Juli 1957

Glockenguß der Schlierstadter Glocken

Glockengießer F.W.Schilling erklärt das Werden der Glocke
Glockengießer F.W.Schilling erklärt das Werden der Glocke

15. August 1957

3 neue Glocken, gegossen von der Fa. F.W.Schilling in  Heidelberg (siehe den anschließenden Bericht)

     a) Pieta-Glocke: 1.300 kg (Gedächtnisglocke für die Gefallenen des 2. WK)

     b) Gangolf-Glocke: 900 kg

     c) St.-Konrad-Glocke: 560 kg

Die neuen Glocken haben die Töne gis`, fis`und e`.

17. August 1957: Neuer Glockenstuhl

Inzwischen machte Zimmermann Richard Müller aus dem Eichenholz des alten Türmchens den Glockenstuhl zum neuen Turm. Auf den konnte die "Lachmann-Glocke" mit einer Leihglocke aus Oberschlesien aufziehen. Beide Glocken wurden von Heidelberg eingeholt. Endlich läuten wieder 2 Glocken, von Oktober an sogar elektrisch.

30. August 1957

1. September 1957: Weihe von 3 neuen Glocken in Schlierstadt

Geistl. Rat Schneider (links) und Dekan Krämer, Mosbach, der die Festpredigt hielt
Geistl. Rat Schneider (links) und Dekan Krämer, Mosbach, der die Festpredigt hielt

Glockenweihe

Unter den Festgästen sah man u. a.:

Glockengießermeister Schilling (Heidelberg)

Geistl. Rat Schneider (Schlierstadt)

Geistl. Rat Krämer (Mosbach)

Pfarrer Wenberg (Eberstadt)

Bgm. Eberle (Eberstadt)

Kirchenältester Banzer (Eberstadt)

Geistl. Rat Magnani (Kinder- und Jugendorf "Klinge")

Dekan Götzinger (Rosenberg)

Pfarrer Becker (Seckach)

Pater Müller (Missionskonvikt Buchen)

Pfarrer i.R. Hauer (Erfeld)

Pfarrer Geisert (Oelfingen)

Bgm. Herkert (Schlierstadt)

sowie die Gemeinde- und Stiftungsräte.

Das Dorf prangte im Fahnenschmuck!

2. September 1957

Zur Vorbereitung der Glockenweihe hatte die ganze Gemeinde beigetragen. Nun wollte sie auch dabei sein, wenn die Glocken ihre luftige Wohnung beziehen. Zimmermannmeister Richard Müller (Foto) hatte schon den Glockenstuhl ausgebaut, damit die Glocken hineingebracht werden können. Ebenso den Ladebaum, einen Fichtenstamm angebracht, an dem die Glocken hochgezogen werden. Nach der hl. Messe waren viele hilfsbereite Hände da. Da der Glockenminteur auf sich warten ließ, begannen die Männer die größte Glocke (1 Tonne), die Marien- und Gedächtnisglocke für die Toten 1914/18 uns 1939/45 hochzuziehen. Richard Müller überwachte im Turm die Tragfähigkeit des Ladebaumes. Etwa 2,5 m war die Glocke hochgezogen, da brach der Gegenzug und durch den Ruck der Ladebaum auseinander; er war innen faul gewesen, was äußerlich nicht zu sehen war. Dumpf setzte die Glocke zum großen Schrecken auf den Boden auf. Ein halbe Minute vorher hätte sie Organist Hamann zerquetscht. Das Zugseil schlug in die Glockenstube und traf Zimmermann Müller so, daß er ernste Prellungen davontrug. Als der Schreck überwunden war, griffen Hände zu und entfernten den Ladebaum. Andere Männer fuhren mit dem Bürgermeister in den Wald und holten eine gesunde Tanne. Nach 1 1/2 Stunden konnte endlich der Glockenaufzug reibungslos vor sich gehen. Der Pieta-Glocke folgte die Gangolf-Glocke, dann die Bruder-Konrad-Glocke, zuletzt die alte Christus-Lachmann-Glocke. Die kommenden Tage war nur Hämmern und Bohren im Turm zu hören. Erst wurden die beiden größten Glocken montiert, der Glockenstuhl im 2. Stock wieder zusammengesetzt und verstrebt durch Eisenbänder. Endlich kamen auch die beiden kleinen Glocken auf ihren Platz.

5. September 1957

Alle 4 Glocken läuten das erste Mal

Am Nachmittag war es soweit: Das neue Geleute aller 4 Glocken ertönte zum ersten Mal über Gemeinde und Flur. Es war gegen 5 Uhr. Die Leute auf dem Felde hielten den Atem an, klatschten und weinten. Im Ort eilten die Menschen auf die Straßen. Die Ortseingesessenen riefen: Wir haben ein Domgeläute. Die Neubürger sagten unter Tränen: Wir hören die Glocken der Heimat.

6. Oktober 1957

Nun können alle 4 Glocken elektrisch geläutet werden. Ein Werk ist vollendet, daß, so Gott will, auf Jahrhunderte die Menschen zu Gott ruft und den Meschen Friede und Freude in Gott verkündet.